Rudelzhausen.info - Schimmelkapelle
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Die Schimmelkapelle von Enzelhausen
Gleich zu Beginn eine enttäuschende Feststellung: Es gibt laut dem ehemaligen Kreisheimatpfleger Rudolf George in Süddeutschland, Oberösterreich und in der Schweiz an die 35 "Schimmelkapellen".
 
Das macht die Deutung des Mythos "Schimmelkapelle" und der damit verbundenen Sagen nicht einfacher.
 
Gemeinsam ist diesen Kleinkirchen, dass sie meist einzeln auf einer Geländeerhöhung stehen.
 
Darin fanden oder finden nur selten Gottesdienste statt, in manchen dieser Kirchen nur an Fronleichnam.
 
Um alle Kapellen rankt sich eine Geschichte von einem Schimmel
 
In Enzelhausen und Larsbach bei Wolnzach haben Diebe einen gestohlenen Schimmel versteckt.
 
An anderen Orten hat sich das Pferd in die Kapelle verirrt oder ist, wie in St. Kastl bei Reichertshofen, am Fronleichnamstag von der Gras- und Blumenspur in das Gebäude gelockt und dann versehentlich eingesperrt worden.
 
In der Kirche von Ascholding bei Bad Tölz oder von Pelka bei Hohenkammern hat der Schimmel die Tür selber zugeschlagen.
 
Bei der St. Ulrichskapelle in Hofweinzier bei Bogen ist das durch einen Windstoß geschehen.
 
Meistens ist der gefangene Schimmel dann erbärmlich verhungert. In Ruppertskirchen bei Altomünster allerdings hat sich der Schimmel in einer Schlinge am Glockenseil erhängt. In einer anderen Geschichte knabbert das hungrige Ross am Glockenseil und löst dadurch ein unregelmäßiges Geläute aus und wird dann gerettet.
 
Die Patronate der Schimmelkapellen sind verschieden. In Enzelhausen ist es eine Stephanuskirche, aber auch der Hl. Kastulus oder der Hl. Ulrich kommen als Patron vor. In Tirol gibt es eine
St. Leonhard Schimmelkapelle. Überwiegend sind es aber Georgskirchen.
 
Bei einigen Schimmelkapellen ist ein Zusammenhang mit ehemaligen heidnischen Opferstätten überliefert, so auch in Enzelhausen.
 
Wie kommt es zu dieser ähnlichen Sagenbildung an verschiedensten Orten?
Wie erklärt sich die Bezeichnung Schimmelkapelle in Enzelhausen?
 
 
Die geschichtlichen Tatsachen
In der Pfarreichronik von Anton Hofmann liest man, dass bei Renovierungsarbeiten im Kircheninneren im Jahr 1976 auch der Altar umgebaut werden sollte. Dabei wurde der eingesetzte alte Altarstein freigelegt.
 
In Altarsteinen befinden sich in der Regel Reliquien. Diese wurden entnommen und vom Bischöflichen Zentralarchiv in Regensburg untersucht. Dabei stellte man fest, dass die Reliquienbeschriftung aus der Zeit zwischen 1000 und 1010 stammt. Unter anderem wurde auch eine Reliquie des Erzmärtyrers Stephanus gefunden. (Stephanus gilt als erster Märtyrer der Kirche, deswegen der Zusatz "Erz")
 
Urkundlich erwähnt wird die Nebenkirche Enzelhausen, wie es im Sprachgebrauch der Pfarreiorganisation heißt, erstmals 1590 in Visitationsprotokollen. Demnach war die Kirche in einem recht desolaten Zustand. Schon damals war das Patronat des Hl. Stephanus nachweisbar.
 
Insgesamt gibt es wenige Aufzeichnungen zur Kirchengeschichte. Die interessanteste Geschichte aus der Hauserchronik stammt aus dem Jahr 1824, als der damalige Pfarrherr die Kirche abreißen lassen wollte, weil er die Steine für ein landwirtschaftliches Gebäude verwenden wollte. Nur durch den heroischen Einsatz von zwei Enzelhausener Bauern, die zu Fuß nach Pfaffenhofen eilten und ein, mit Hilfe eines Advokaten, erstelltes "Prohibitorium" (Verbotsschreiben) erwirkten. Just im letzten Moment, als die Maurer schon mit dem Abbruch beginnen wollten, konnten die tapferen Bauern unter dem Beifall der gesamten Dorfbevölkerung mit dem mitgebrachten Schreiben die Zerstörung der beliebten Kirche verhindern.
 
Bei Renovierungsarbeiten 1866 sollte das Mauerwerk außen trockengelegt werden. Doch das Vorhaben wurde fallengelassen, weil man bei den Grabungsarbeiten auf eine Unzahl von Gebeinen traf, was darauf hinweist, dass die Kirchenumgebung irgendwann als Friedhof genutzt wurde.
 
 
Ein Zusammenhang mit vorchristlichem Glauben
Der Hl. Stephanus gilt unter anderem als der Beschützer der Pferde und Pferdeführer. Warum wurde ausgerechnet er zum Patron der Schimmelkapelle bestimmt?
 
Bei den Arbeiten in der Kirche 1976 fand man unter dem Altartisch einen massiven Muschelkalkblock, der tiefer als der Kirchenboden im Erdreich verankert war. Dr. Johannes Hofmann, der Sohn von Anton Hofmann, beschreibt ihn in einer Arbeit als ehemaligen Opferstein eines heidnischen Opferaltars.
 
Im frühen Mittelalter wurde bei der Christianisierung durch die Missionare immer versucht, die bisherigen heidnischen Götter und Bräuche mit christlichen Heiligen und Symbolen zu überdecken, denn eine völlige Verwerfung der alten "Glaubensinhalte" wäre nicht durchsetzbar gewesen. Das heidnische Heiligtum wurde also mit einer Kirche überbaut und fand so eher die Akzeptanz der Bevölkerung.
 
Anton Hofmann beschreibt es in seiner Arbeit als gesichert, dass die Opferstätte dem germanischen Gott Fro (häufiger mit Frey oder Freyr bezeichnet) gewidmet war.
 
Freyr galt als Gott der Fruchtbarkeit, er hatte die Macht über Sonne und Regen. Die heiligen Tiere Freyrs sind das Pferd und der Eber. Er war auch ein Gott der einfachen Bauern. Zu seinen Ehren und um ihn günstig zu stimmen, wurden bei den Germanen zum Julfest Zeremonien abgehalten und Opfergaben dargebracht.
 
Die an verschiedenen Stephanuskirchen bis in die jüngste Zeit nachgewiesenen Pferdeumritte mit Gebet und Opfergabe hängen eindeutig mit diesem altgermanischen Fest zusammen. Der Stephanitag (26. Dezember) liegt in dem Zeitraum der Wintersonnwendfeiern.
 
Aus Wikimedia Commons, dem freien Medienarchiv
https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=File:Freyr_by_Johannes_Gehrts.jpg&oldid=359882480
 
Für die alten Germanen und Kelten war das Wintersonnwendfest (Julfest) wahrscheinlich das wichtigste Fest im Jahr. Es galt als Geburtsfest der Sonne, symbolisiert durch ein Rad. Zeit des Neubeginns: Die Rückkehr der Sonne bedeutet auch die Rückkehr des Lebens.
 
 
Es gibt noch eine weitere germanische Gottheit, die im Zusammenhang mit dem Kult zur Sonnenwende und dem Kult um weiße Pferde (Schimmel) zu beachten ist. Der Germanengott Wotan (auch Odin genannt) ritt ein achtbeiniges graues Pferd. In alten Darstellungen auch als Schimmel ansehbar.
 
Pferde waren nicht nur wegen ihrer Kraft geachtet, sondern spielten in der vorgeschichtlichen Zeit in Kulthandlungen eine wichtige Rolle. Vor allem weiße Pferde wurden besonders verehrt.
 
Bei Tacitus ist nachzulesen, dass die Germanen weiße Pferde für Weissagungen und Orakel nutzten. Sie wurden in geweihten Hainen gehalten, in denen die Götter verehrt wurden. Stammesführer und Priester betrachteten Pferde als Geschöpfe, die in das Wissen der Götter eingeweiht sind. Diese "Schimmel" durften keine weltlichen Arbeiten verrichten, sondern wurden nur vor den heiligen Wagen gespannt. Priester oder Fürsten gingen dann nebenher, lenkten die Rosse und beobachteten ihr Wiehern und Schnauben. Daraus leiteten sie den Willen der Götter ab.
 
Den weißen Pferden wurde auch die Fähigkeit zur Segnung oder auch Heilkraft zugeschrieben.
 
Aus Wikipedia, die freie Enzyklopädie.
https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Odin&oldid=202439814 und https://de.wikipedia.org/wiki/Pferdekult
 
In den Landstrichen südlich der Donau waren in der Antike die Kelten zuhause, deren Siedlungen nach und nach von den Römern eingenommen wurden. 391 n. Chr. wurde das Christentum offiziell zur Staatsreligion im Römischen Reich erklärt. Das Darbringen heidnischer Opfer und der Tempelbesuch wurden verboten. Bereits hier dürften sich alte heidnische Gewohnheiten und Überzeugungen mit christlichen Inhalten vermischt haben.
 
 
Das Fazit
 
Der Hl. Stephanus trat also an die Stelle einer heidnischen Gottheit. Er wurde als Kirchenpatron gewählt, weil sein Namenstag terminlich genau in das traditionelle Brauchtum passte.
 
Die tief im Volksglauben verankerten Bräuche wurden übernommen und verchristlicht.
 
Die überlieferte, tief verwurzelte Verehrung von weißen Pferden (Schimmeln) in den heiligen Hainen, könnte Anlass gewesen sein, in der unmittelbaren Nähe errichtete Kirchen als "Schimmelkapelle" zu bezeichnen. Das diente eventuell auch zur Unterscheidung von den übrigen Kirchen.
 
Dadurch würde auch die Tatsache erklärt, dass Schimmelkapellen in der Regel einzeln in der Landschaft stehen und nicht inmitten von größeren Siedlungen.
 
Kein elektrisches Licht, das finstere Nächte erhellte, keine Naturwissenschaften, die unverständliche Phänomene hätten erklären können - kein Wunder, dass die Menschen früherer Zeiten versuchten, mit Geschichten zu erklären, was sie bewegte. Auch historische Ereignisse wurden als Geschichten weitererzählt, oft ausgeschmückt und verfremdet.
(aus der SZ-Serie "Sagen und Mythen" vom 29.12.2016)
 
Damit sind wir wieder bei den Sagen, die sich um Schimmelkapellen ranken. Der rituelle Grund für die spezielle Bezeichnung dieser Kirchen geriet vielleicht mit der Zeit in Vergessenheit und es entstanden Geschichten, die den Zusatz "Schimmel" zu erklären versuchten. Die Parallelität der "Schimmelsagen" im bayerisch/österreichischen Raum kann man auch als Nachahmung ansehen.
 
Dass ausgerechnet bei den Hallertauer Schimmelkapellen von Rossdieben die Rede ist, könnte daher kommen, dass die Bewohner unseres Landstrichs von jeher als "Pferdediebe und G'sindl" verschrien waren.
 
Diese Version ist sogar im "Holledauer Lied" verewigt und zwar in der dritten Strophe.
 
  
 
Hier zu hören von der Gruppe "Sauglocknläutn".
 
 
Auf YouTube gibt es das ganze Lied.
 
Version: Dez 2020
 
 
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